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Wutcocktail – die Zutaten

Heidi und der Ziegenpeter sind ja vor nicht all zu langer Zeit neu verfilmt worden. Und gegen Ende dieses Films kommt natürlich auch der Abschnitt, in dem Klara ihre Freundin Heidi am Berg besucht.
Erinnerst du dich nun an die Szene, wo der Ziegenpeter vor Wut rot anläuft, mit großen Schritten den Berg hinauf läuft und mit Steinen und Stöcken um sich wirft?
Er kämpft mit seiner Enttäuschung, dass Heidi jetzt scheinbar keine Zeit mehr für ihn hat. Er ist natürlich brennend eifersüchtig auf Klara, weil sie Heidi nun für sich hat. Er ist wütend auf alle beide, weil sie offensichtlich soviel Spass miteinander haben und er sich davon ausgeschlossen fühlt. Die Trauer und den Schmerz, über den vermeintlichen Verlust der Freundschaft mit Heidi ist zu groß, um dafür Worte zu finden. Und sicher ist der Ziegenpeter auch darüber wütend, dass er letzteres nicht ausdrücken kann.
An all das, denkt der Ziegenpeter aber nicht, als er wütend den Berg hinauf rennt. Er reagiert einfach. Weil er diese Mischung aus Wut, Enttäuschung, Eifersucht, Trauer, Schmerz und Verlust nicht ausdrücken kann.

Die Sache mit dem Verzicht

Wenn du von deinem Kind häufige Wutanfälle erlebst, dann fühlt sich dein Kind in seiner Wut und dem gerade aktuellen Gefühlsmix, sehr wahrscheinlich wie der Ziegenpeter. Etwas ist nicht so gekommen, wie gewünscht oder erwartet. Und da es noch nicht gelernt hat, wie man mit all diesen schwierigen Gefühlen fertig werden soll, kann es nur reagieren.
Als Erwachsene denken wir dann häufig, das kann ja nicht so schwer sein meine Idee gehen zu lassen, wenn ich weiß, jetzt ist etwas anderes dran. Das nennen wir dann Selbstbeherrschung und glauben, es sei eine Sache der Vernunft. Wenn aber der Verstand gegen das Gefühl antreten müsste, wäre ersterer immer der Verlierer. Ganz besonders bei Kindern, die an der Fähigkeit des Verzichts erst lernen.

Leider kommt noch dazu, dass Gefühlsausbrüche ganz allgemein ansteckend sind. So, wie wir zu gähnen anfangen, wenn wir es bei anderen sehen oder lachen müssen, wenn andere lachen, so fühlen wir uns als Mama oft schnell in die Wut-Stimmung unseres Kindes hineingezogen, nicht wahr? Die Stimmung aktiviert dann deine älteren Gehirnregionen und du reagierst mit den Schutzprogrammen, die du als Kind bei Schmerz, Trauer und Verlust gelernt hast.

Achtung Ansteckung!

Ich denke gerade: Wie oft ist mein Schmerz, meine Trauer, meine Wut heruntergespielt worden, mit Worten wie „Sei nicht so bockig!“, „Mach nicht so ein Theater!“ oder „Reiss dich doch zusammen!“. Wenn ich heute an meine eigenen Wut-Momente denke, so erkenne ich das, was ich in solchen Situationen garantiert nicht brauche: solche Sätze wie schon oben erwähnt und zum Beispiel „lass dich doch nicht so gehen!“. Einen Zuhörer, der sich von meiner Wut anstecken lässt, der versucht meine Wirklichkeit herunter zu spielen, oder beschwichtigen will.
Es hat viel Zeit und sehr viele Wutanfälle unseres Sohnes gebraucht, bis ich einigermaßen erkannt habe, was in mir selbst gerade köchelt. Und, dass ich unserem Sohn in solchen Situationen nur dann eine wirkliche Hilfe sein kann, wenn ich imstande bin, mein eigenes Gefühls-Chaos halbwegs klar zu haben. Denn was ich selbst nicht erkennen, differenzieren und benennen kann, wird auch schwierig, beim Anderen halbwegs richtig einzuordnen. So stehst du dann vor deinem wütenden Kind und fühlst dich hilflos. Glaub mir, ich weiß wie sich das anfühlt.

Was du für dich als Mama tun kannst.

Beobachte dich in solchen Ausnahmesituationen selbst. Was fühlst du? Bist du dann ungeduldig, wütend, hilflos? Fürchtest du Kritik von aussen? Oder macht sich in dir ein Satz breit, was „man“ in so einer Situation zu tun hat. Mit welchen Mustern reagierst du in solchen Momenten? Macht es dich aggressiv, wenn du dich so hilflos fühlst? Dann hilft dir vielleicht ein kleiner Spaziergang. Bewegung bringt den emotionalen Aufruhr wieder ins Gleichgewicht. Und im Gehen, kommt auch so mancher festgefahrener Gedanke in Bewegung. So gesehen, hilft sich der Ziegenpeter auch selbst.
Willst du am liebsten vor dem Gefühlsausbruch deines Kindes davonlaufen? Hättest du es am liebsten immer ganz harmonisch? Oh ja, natürlich hätten wir das alle sehr gerne. Leider werden wir laufend mit größeren und kleineren Problemen konfrontiert. Und das löst in uns ein Sammelsurium gemischter oder eindeutiger Gefühle aus. Und jedes einzelne will am liebsten gesehen, angenommen und ausgesprochen werden. Und dazu braucht es am besten ein mitfühlendes Gegenüber, jemand dem du vertrauen kannst und der dich in deiner aktuellen Not versteht. Wenn du das erkannt hast, dann kannst du auch deinem Kind helfen.

Wie du deinem Kind hilfst:

  • Einen Vulkan oder ein Erdbeben kann man nicht einfach anhalten. Warte also, bis es vorbei ist. Bleib gelassen und gib deinem Kind Zeit wieder herunter zu kommen.
  • Zeig dich einfühlsam, so dass dein Kind sehen kann – Mama kennt das, es geht vorbei.
    Bedenke, dass dein Kind in solchen Augenblicken auf dem Gefühlsschiff unterwegs ist. Dass es deshalb für Argumente und Logik nicht erreichbar ist.
  • Bleib in deiner Mitte und atme bei Bedarf mit. Vielleicht erinnerst du dich daran, als dein Kind noch sehr klein war und hemmungslos geweint hat. Sicher hast du damals nicht an seinen Verstand appelliert, sondern bist mit emphatischen Lauten oder wenigen Worten auf seiner Gefühlsebene mitgeschwungen. Genau so kannst du auch versuchen seine Wut mit auszuhalten.
  • Manche Kinder brauchen eine Zeit ganz für sich allein, um sich wieder zu beruhigen. Akzeptiere das und freu dich, wenn es wieder deine Nähe sucht.
  • Sprich in wenigen Worten aus, wie es für dein Kind gerade ist.
  • Wenn sich die dicke Luft verzogen hat, kannst du deinem Kind helfen, seine Gefühle und Gedanken zu ordnen. Tauscht euch aus, was ihr erlebt habt, ohne zu bewerten. Erzähle auch ruhig von deinen Gefühlen, als du in einer ähnlichen Situation warst und wie du damit umgegangen bist.

Das ist es, was du aus meiner Erfahrung für dich und dein Kind und auch für die Zukunft deines Kindes tun kannst. Sicher wird es im weiteren Leben noch oft Frustration, Schmerz, Angst, Wut und die ganze Palette des Gefühlsspektrums erleben. Manche Kinder brauchen sehr viele Wutmomente über eine lange anstrengende Zeit, andere weniger. Wenn es aber mit dir gelernt hat, wie man damit fertig wird, ist es für die Welt da draußen gut gerüstet.

Hast du Fragen, Einwände oder Gedanken dazu? Dann schreib mir doch. Oder stehst du gerade mit einem anderen Thema an? Der nächste Artikel könnte für dich sein 😉