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Von der Begegnung mit der Angst

Viele Geschichten zur Bewältigung von Kinder-Angst beginnen so:

Die feuchte Kellertreppe führt hinab in die lauernde Dunkelheit. Schon am zweiten Absatz nimmst du den Geruch nach Erde, halbwelken Winteräpfeln, Kohle und modrigem Holz wahr. Mit dem nächsten Schritt spürst du die klebrige Feuchtigkeit unter deinen Schuhsohlen. Und je weiter du hinabsteigst, desto schneller schlägt dein Herz, bis das Pochen schließlich im Hals und überlaut in den Ohren ankommt. Immer wieder stockt dir der Atem und du schnappst seufzend nach Luft. Angestrengt suchst du die dunkelschwarzen Winkel nach Gespenstern ab. Die Angst vor diesem Ort droht dich aufzulösen.

Was du wahrscheinlich aus dieser oder ähnlichen Geschichten gelernt hast? Angst lässt sich nicht weg reden oder klein machen. Sie ist einfach da. Manchmal klein und überschaubar, manchmal gross und überwältigend.

Wir alle kennen solche Situationen die uns Angst machen und erleben dabei immer wieder ähnliches wie oben beschrieben. Der einzige Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern ist: Kinder haben weniger Erfahrung, wie man mit Angst fertig werden kann. Die Angst ist einfach da und manchmal so mächtig, dass die Nerven blank liegen. Aber Ängste gehören zum großwerden dazu. Niemand von uns, hätte auch nur eine neue Entdeckung oder Erfahrung gemacht, wenn wir uns nicht hinausgewagt hätten. Wie gut ist es aber, wenn dann jemand da ist, der versteht, Gefühle und Empfindungen erkennt  und die geeigneten Worte findet, damit die Aufregung, die Angst und der Mut des Gelingens einen guten Platz in der Erinnerung finden.

 

Angst und Überforderung

Oft sehe und höre ich folgendes im Zusammenhang mit Angst bei Kindern. Manche Kinder reagieren, häufig von Anfang an, sensibler auf Reize der Umgebung und geraten dadurch leichter aus dem Gleichgewicht als andere. Sie brauchen auch länger um sich an veränderte Bedingungen (wie zB. Kita, Schule usw.) anzupassen.

Das was sie sehen, hören, spüren und vor allem fühlen, scheint größer und intensiver auf sie einzuwirken. Ich denke oft, kein Wunder, dass es unter diesen Vorraussetzungen viel länger dauert, um die Gefühle von Angst und Stress folgerichtig zu erkennen und einzuordnen.

Nicht selten gibt es zusätzliche Empfindlichkeiten, wie zB. die Verarbeitung von visuellen Eindrücken, erschrecken bei Geräuschen, Lärmempfindlichkeit und Überlastung durch Aktivitäten. Manchmal werden auch Kleidungsstücke, Seife, Shampoos oder Cremes nicht ertragen. Die Haut scheint, so wie das Kind, im Alarmzustand zu sein. Die Welt ist offenbar zu laut, zu viel und zu groß. Erkennst du dein Kind in einigen Punkten wieder?

Als fürsorgliche Eltern versucht man in diesem Fall gerne zuviel Aufregung zu vermeiden oder auch mehr Zeit einzuräumen. Aber irgendwie ist es so, dass das Problem bleibt und zusammen mit Bemerkungen und Feedback von aussen, wird das Zusammenleben mit dem Kind zunehmend anstrengend.

 

Wie du deinem Kind aus der Angst hilfst

  • Finde heraus, was hinter der Angst steckt. Ist es die fremde Situation, unerwartete Veränderungen, Lärm, Überlastung durch Eindrücke oder Aktivitäten, Hilflosigkeit im sozialen Miteinander oder schlicht Überforderung der Sinneswahrnehmung.
  • Reduziere Anfangssituationen auf wirklich notwendige Herausforderungen. Lass deinem Kind zB. Pausen zwischen Aktivitäten. Auch wenn ihr etwas schönes miteinander unternehmt, kann es für dein Kind mit Aufregungsangst verbunden sein. Sorge für Stille-Inseln in einer lauten Umgebung. Lass dein Kind selbst wählen was es zu einer neuen Erfahrung anziehen will. Glaub mir, es wird zur Genüge damit beschäftigt sein mit seiner Aufregung fertig zu werden. Denn die Nähte, oder Stoffränder eines noch so tollen Outfits, sind geeignet die innere Unruhe deines Kindes noch anzuheizen.
  • Gleichgültig aus welchem Grund dein Kind Angstgefühle hat, hilf ihm zu erkennen, was die Angst mit ihm macht. Finde an seiner Stelle Worte für sein Erleben. ZB.: das macht weiche Knie, Gänsehaut, schreckhafte Ohren, Angst-Herz-Bauchweh usw. Du kennst dein Kind am besten und weißt, wie du die körperlichen Symptome gut beschreiben kannst. So erlebt dein Kind „Mama, Papa versteht mich… genauso fühlt es sich an. So kann ich die Angst verstehen. Ich bin damit nicht allein.“
  • Benenne auch die Gefühle und Emotionen deines Kindes und erzähle bei passender Gelegenheit gern davon, wie du eine ähnliche Situation erlebt und erfühlt hast. Vielleicht weißt du sogar noch, wie du aus der Angst herausgefunden hast. Kinder mögen Heldengeschichten mit happy End. Sie zeigen ihnen, dass man auch unglaubliches bewältigen kann.
  • Zeige dich verlässlich und vorhersehbar. Hilf deinem Kind einen kleinen Schritt in die Zukunft zu schauen. Wenn zB. ein neues, aufregendes Erlebnis bevorsteht, „zeichne“ deinem Kind ein Bild davon, was es dort erwarten kann. Wie kommt ihr dort hin, wie lange wird es dauern, welche Rolle hat das Kind dort, wen trefft ihr dort oder was werdet ihr wahrscheinlich erleben. Und wenn du das nicht weißt, sei ehrlich. Sag genau das und hör dir an, wie das für dein Kind ist.
  • Mach das Erleben deines Kindes nicht größer und rede es nicht klein, sondern bleib bei dem was du siehst. Oder bestätige, was dein Kind erzählt.
  • Sorge für mehr Klarheit und überdenke deine eigenen Angstmuster. Welche Sätze hast du in den Momenten deiner deutlichsten Kindheitsängste gehört und welche Glaubenssätze haben sich in dir niedergelassen? Überprüfe ob diese Haltungen noch stimmig sind.

 

Das Kind loslassen?

Es ist mir bewusst, dass das nicht-loslassen-können eine häufige Vermutung ist, wenn es um Kinder mit grösserem Angstempfinden geht. Wie schon erwähnt, reagieren solche Kinder nicht selten von Anfang an empfindlicher auf ihre Umwelt.

Da ist es einerseits natürlich, dass sie Schutz und Halt bei Mama oder Papa suchen. Sicher lässt uns dieses Halt suchen als Eltern nicht kalt und wir versuchen alles mögliche und manchmal auch unmögliche, um das Kind zufrieden zu stellen. Und in einer bestimmten Art Hilfe zu finden, macht auch Eindruck und kann mitunter lange nachwirken. Indem das Kind zB. entweder lernt, Mama/Papa sind immer da und bereit, mir den Boden auf dem ich gehe zu ebnen. Oder auch, ich muss mit meinem Kummer allein klar kommen. Beides kann zu klammern und weinen Anlass geben.

Du errätst es sicher schon, die Lösung liegt irgendwo dazwischen.

Und immer mit der Ruhe, bei Meinungen und Bewertungen. Manche Menschen verstehen einfach nicht, dass dein Kind mehr Zeit braucht, um warm zu werden. Bleib gelassen und ermögliche deinem Kind, sich die Sache unter deinem Schutz anzusehen.

Lass dein Kind also ruhig neue herausfordernde Erfahrungen machen. Aber bleib sein sicherer Anker wenn sich das Meer im Sturm auftürmt. Zeig deinem Kind, dass es eigene Erfahrungen machen kann, dass du da bist, dass du verstehst wo es gerade ist und dass du zuversichtlich bist, dass es einen schwierigen Schritt eines Tages bewältigen wird.

Dann nämlich, musst du dir über das loslassen-sollen keine Sorgen machen.